
Mehr Chancengerechtigkeit: Die NRW-Landesinitiative Kein Kind zurücklassen! startet mit großem Erfolg
Am 21. September trafen sich Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter aus über 20 Kommunen in Dortmund zur Auftaktveranstaltung des Regierungsbezirks Arnsberg. Sie informierten sich über die Landesinitiative und tauschten sich in Fachgesprächen aus. NRW-Familienministerin Christina Kampmann begrüßte auf der ersten Regionalkonferenz im Regierungsbezirk Detmold die kommunalen Vertreterinnen und Vertreter, die sich über die Chancen der Teilnahme an der Vertiefungsphase des Modellvorhabens „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ informierten. In ihrer Rede betonte sie, dass die Landesinitiative seit 2012 eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat: „In diesen fünf Jahren haben die 18 beteiligten Modellkommunen gezeigt, dass Prävention wirklich gut funktioniert und wir diesen Weg weiter beschreiten sollten. Ich lade alle Kommunen herzlich ein, bei den fünf Regionalkonferenzen teilzunehmen, denn wir wollen gemeinsam unsere Politik der Vorbeugung in die Fläche bringen. “
Als Beispiel guter Praxis nannte die Ministerin die Förderung der Sprachkompetenz in Bielefeld: „43 Prozent der Kinder einer Risikogruppe haben den Sprung zu einer guten Sprachentwicklung und zu altersgerechten Deutschkenntnissen geschafft. Dieses Beispiel zeigt, was wir mit Kein Kind zurücklassen! erreichen konnten. “ Auch die Gesamtbilanz ist erfolgreich: Etwa 80 Prozent der Modellprojekte weisen positive Ergebnisse auf. Drei Ergebnisse der Modellphase hob Kampmann besonders hervor: Durch aufsuchende Angebote haben sich in den Kommunen „Komm-Strukturen“ statt „Geh-Strukturen“ entwickelt. Mit diesem niedrigschwelligen Ansatz erreicht man verstärkt Familien mit Beratungsbedarf. Die Mikrodatenanalyse der Begleitforschung der Bertelsmann Stiftung zeigte zudem, dass Familienzentren signifikant zur Verbesserung der Sprachbildung, Konzentrationsfähigkeit und motorischen Fähigkeiten der Kinder beitragen. Ziel ist es nun, das Netz in den Kommunen weiter auszubauen – jedes Jahr kommen hundert Familienzentren in Nordrhein-Westfalen hinzu.
Ein weiteres Ergebnis des Modellvorhabens ist die Erkenntnis, dass Vorbeugung hilft, finanzielle Spielräume in den kommunalen Haushalten zu schaffen. Im Bereich der Hilfen zur Erziehung gibt es großes Potenzial für fiskalische Vorteile. Ein gutes Praxisbeispiel ist das Angebot des Kreisjugendamts Unna, das durch qualifizierte und bedarfsorientierte Beratung im Sozialraum 2012-2015 den Jugendhilfe-Etat um 345.000 Euro entlasten konnte. Dass gute Prävention auch Geld kostet, verschwieg Ministerin Kampmann nicht: „Im Moment fließt im NRW-Haushalt jeder 3. Euro in Familien, Kinder und Jugendliche – das ist der richtige Weg. Wir müssen aber auch die vorhandenen Strukturen als wesentlichen Aspekt guter Präventionsketten besser nutzen. Unser Ziel ist es, die Situation dauerhaft so zu verbessern, dass finanzielle Vorteile für kommunale Haushalte erzielt werden. “
Zum Abschluss ermutigte die Ministerin alle kommunalen Spitzenvertreterinnen und -vertreter, sich an „Kein Kind zurücklassen! “ zu beteiligen: „Wir haben viele wichtige Impulse gesetzt und konnten andere Kommunen, wie Vorarlberg in Österreich, begeistern und mitziehen. Ich möchte mit Ihnen gemeinsam die Philosophie von „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ weiter ausbauen und nach ganz NRW tragen. “ Auch Ministerialdirigent Manfred Walhorn, Abteilungsleiter Kinder, Jugend im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, nahm an der Konferenz teil und blickte auf die letzten Jahre zurück: „Das Projekt hat erstaunlich viel Engagement und Kompetenz in den beteiligten Kommunen mobilisiert und das Interesse weiterer Kommunen geweckt. Ich denke, das zeigt sich auch hier bei der Auftaktveranstaltung. Insgesamt ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit, Politik präventiv anzulegen, um Kindern gleiche Chancen auf ein gelingendes Aufwachsen zu ermöglichen, stark gewachsen. Wir hoffen nun, dass die neuen Kommunen weitere wichtige Impulse geben und freuen uns, dass – im übertragenen Sinne – das Kind jetzt laufen kann! “
Erfahrungsaustausch: Eine Delegation aus dem Saarland besucht Düsseldorf

Im Oktober reiste eine Delegation aus dem Saarland nach Düsseldorf, um sich über die NRW-Landesinitiative Kein Kind zurücklassen! zu informieren. Die Leiterin und Mitarbeitenden des Jugendamts Regionalverband Saarbrücken sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer paritätischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen erkundeten das Projekt.
Martin Debener, Fachreferent der Freien Wohlfahrtspflege NRW, stellte das Konzept der Initiative im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport vor. Marco Becker, Leiter der Präventionsprojektgruppe, eröffnete das Fachgespräch. Die Delegierten interessierten sich besonders für die integrierten Handlungskonzepte und Praxisbeispiele, die das Prinzip „vom Kind her denken“ umsetzen. Heinz-Jürgen Stolz, Leiter der Landeskoordinierungsstelle, erläuterte das Ziel der Initiative: Präventionsketten sollen Kinder, Jugendliche und Familien mit abgestimmten Angeboten unterstützen. Dafür müssen Institutionen und freie Träger eng kooperieren. „Es gibt keinen universellen Masterplan. Jede Kommune muss ihren eigenen Weg finden“, betonte Dr. Stolz.
Dr. Johannes Schütte berichtete über die Erkenntnisse des Modellvorhabens von 2012 bis 2016. Ein Qualitätsrahmen dient nun als Navigationshilfe für Präventionsketten. Nach seinem Vortrag diskutierten die Teilnehmer lebhaft. Dr. Schütte freute sich über das Interesse: „Es ist großartig, dass die Erfolge von Kein Kind zurücklassen! über NRW hinaus bekannt sind. Der Austausch mit Fachkollegen ist für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung“
Frau Spoo-Ludwig, Leiterin des Jugendamts in Saarbrücken, lobte das hohe fachliche Niveau des Ministeriums und der Koordinierungsstelle: „Das hat uns überzeugt. Wir wollen nun gemeinsam mit den Trägern der freien Jugendhilfe die Präventionskette im Sozialraum neu bewerten und konzeptionell überdenken. Unser Ziel ist, die Präventionskette zu schließen, damit niedrigschwellige Angebote für Kinder und Familien ab der Schwangerschaft lückenlos zugänglich sind. Dabei nehmen wird die Prinzipien ‚Vom Kind her denken‘ und ‚Ungleiches ungleich behandeln‘ gerne als Denkanstöße mit.“
Die Delegation besuchte auch das Ruhrgebiet. In Bottrop erkundeten sie die Arbeitsgemeinschaft soziale Brennpunkte e.v., die eine Kindertagesstätte und ein Jugendzentrum betreibt. Martin Debener zog ein positives Fazit: „Die Einbindung der Freien Träger der Wohlfahrtspflege ist strategisch wichtig. Sie bündeln Erfahrung und entwickeln neue Zugangsstrategien zu schwer erreichbaren Zielgruppen. Die Offenheit, sich von erfolgreichen Konzepten inspirieren zu lassen, zeigt den professionellen Blick über den Tellerrand. “
Regionalkonferenz in Dortmund war ein großer Gewinn für alle

Zahlreiche kommunale Vertreter aus ganz Nordrhein-Westfalen trafen sich in Dortmund zur Regionalkonferenz, um mehr über die Rahmenbedingungen der Landesinitiative Kein Kind zurücklassen! zu erfahren. Staatssekretär Bernd Neuendorf vom NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport begrüßte die Gäste und ermutigte die Kommunen zur Teilnahme. Die Evaluation des Modellprojekts Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor mit 18 Kommunen zeigte, dass Prävention nachhaltig wirkt. „Die Modellkommune Dortmund ist ein gutes Beispiel: Die Dortmunder Kinderstuben erhielten den ersten Preis des Wettbewerbs ‚Soziale Stadt‘ in der Kategorie Bildung, Kultur und Gesundheit. “ Neuendorf betonte, dass sie es geschafft hätten, Eltern und Kinder früh an Kindertagesbetreuung und Familienbildung heranzuführen. Davon profitierten die Kinder deutlich.
Sozialräumliches Monitoring schafft Transparenz
Christina Wieda, Senior Projektmanagerin bei der Bertelsmann Stiftung, berichtete über die Begleitforschung zum Modellvorhaben Kein Kind zurücklassen! . Die ungleiche Verteilung des Wohlstands habe spürbare Folgen für die Kommunen. In Städten und Gemeinden entstünden Stadtteile und Sozialräume, in denen sich verfestigte Armut wiederfinde. Die Begleitforschung beleuchtete das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Bisher wurden 13 Berichte und ein ausführlicher Abschlussbericht publiziert. Aus der geplanten fachlichen Evaluation wurde im Laufe des Projektes anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Ein Ergebnis: Einkommensarmut und Bildungsarmut gehen oft Hand in Hand. Fehlende Bildung erschwere es den Betroffenen, passende Unterstützung zu finden. „Wir konnten durch Studien und Befragungen darlegen, wie gelingendes Aufwachsen gefördert werden kann. Ein Schwerpunkt war herauszufinden, welche Angebote der Kommunen den Bedarf der Familien decken und genutzt werden. “
Monitoring der Sozialräume sorgt für Klarheit
Durch Monitoring und Mikrodatenanalyse wurde evaluiert, welche Sozialräume in welchen Kommunen besonders belastet sind. „Ein sozialräumliches Monitoring schafft Transparenz, liefert Steuerungsinformationen und kann genutzt werden, um Ressourcen bedarfsgerecht in Kitas und Schulen besonders belasteter Sozialräume zu lenken. Besonders lohnt sich die frühe Förderung“, betonte Wieda. Die Daten der Schuleingangsuntersuchung zeigten, dass Defizite im familiären Umfeld teilweise kompensiert werden, wenn die Kinder vor ihrem dritten Lebensjahr in den Kindergarten kommen und dort gefördert werden.
Klaus Burkholz bestätigte diesen Ansatz aus seiner Praxiserfahrung. Als Jugendamtsleiter sei er froh, dass Dortmund an der ersten Projektphase teilgenommen habe. Die Stadt habe neues Wissen hinzugewonnen. Die Begleitung durch das ISA e.V., das Familienministerium NRW und die Bertelsmann Stiftung sei hilfreich gewesen und habe zu den Erfolgen beigetragen. Auch der Austausch mit anderen Kommunen bei den Lernnetzwerktreffen sei wichtig gewesen, um sich weiterzuentwickeln. „Eine ehrliche Analyse der eigenen Stärken und Schwächen ist ein gutes Mittel, um offen in den Prozess zu gehen. “ Für das Gelingen sei es wichtig, dass nicht nur die kommunalen Mitarbeitenden, sondern auch die Stadtspitze hinter der Landesinitiative stünden. Nach seiner Erfahrung sei außerdem der gemeinsame, überparteiliche Wille in den Räten und Kreistagen wichtig, damit die kommunalen Projekte auch politisch getragen werden.
Dr. Heinz-Jürgen Stolz (ISA e.V.), Leiter der Landeskoordinierungsstelle, berichtete über die geplante landesweite Umsetzung und die neue Rolle der Kommunen, die zukünftig an der Landesinitiative teilnehmen werden. Im Anschluss folgte eine lebhafte Diskussion im Plenum. Es ging unter anderem um kurzfristige fiskalische Effekte und die Frage, ob die Landesinitiative Armut bekämpfen und soziale Segregation verhindern könne. Stolz verdeutlichte, dass Kein Kind zurücklassen! nicht darauf angelegt sei, Einkommensarmut kurzfristig zu bekämpfen. „Natürlich haben wir keinen Einfluss auf die Schaffung flächendeckender, sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Ebenso wenig können wir die Berechnungsart und Höhe des Sozialgeldes beeinflussen. Präventionsketten können aber verhindern, dass aus der Einkommensarmut der Eltern automatisch Bildungsarmut, schlechter Gesundheitszustand und mangelnde soziale Teilhabe der Kinder resultieren. Daran bemisst sich der langfristige Erfolg. Wir wollen die Armutsspirale durchbrechen, damit Kinder aus armen Familien später nicht wieder arme Familien gründen müssen. “
Bedenken aus dem Publikum, dass bei einer Teilnahme an der Landesinitiative die eigenen Erfolge auf der Strecke bleiben könnten, konnte Stolz entkräften: „Wir würden nie sagen, dass eine neu hinzugekommene Kommune bisher nicht genug in Prävention investiert hat. Wir handeln nicht nach dem Motto ‚Hoppla, jetzt kommen wir mit den alleinseligmachenden Lösungen‘. Ganz im Gegenteil – wir setzen beim Vorhandenen an. Wenn wir in eine Kommune gehen, sehen wir zuerst, wo es bereits gute Erfahrungen mit Prävention gibt, wo Synergieeffekte genutzt werden können, wie man diese weiterentwickeln kann und wo Brücken zu neuen Netzwerkpartnern gebaut werden können. “
Kein Kind zurücklassen! präsentiert sich beim NRW-Tag

Am Wochenende feierten tausende Bürgerinnen und Bürger in Düsseldorf bei strahlenden Sonnenschein den 70. Geburtstag von Nordrhein-Westfalen. Auch die Landesinitiative „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ feierte mit und präsentierte sich beim NRW-Tag.
Die Landesministerien begrüßten die Besucherinnen und Besucher an ihren Informationsständen und hatten für die Gäste, die aus allen Landesteilen nach Düsseldorf gekommen waren, ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet. Kinder und Erwachsene hatten gleichermaßen Spaß, sich an den zahlreichen Mitmachaktionen zu beteiligen. Am Samstag besuchten die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Christina Kampmann, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, den gut besuchten Stand von ‚Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor‘. Hier konnten sich Familien über die aktuellen kommunalen Projekte informieren.
Ministerpräsidentin Kraft bedankte sich bei den Beteiligten: „Dank an alle Helferinnen und Helfer hier am Stand, Sie machen heute auf dem NRW-Tag einen tollen Job. Das gilt im Übrigen auch für unser Modellprojekt. Machen Sie weiter so, denn wir wollen die vorbeugende Politik in Nordrhein-Westfalen fortsetzen – weil sie gut ist für die Kinder und für die Zukunft unseres Landes. Deshalb werden wir Kein Kind zurücklassen! ab dem Herbst dieses Jahres sukzessive für alle Kommunen in NRW öffnen“, sagte die Ministerpräsidentin mit Blick auf die weitere Entwicklung des Modellvorhabens.
Am Stand von ‚Kein Kind zurücklassen!‘ gab es für die jungen Gäste viel zu entdecken. Über 100 Schülerinnen und Schülern konnten sich der Arbeit der Ministerien auf eine ganz besondere Art und Weise nähern. Bei einer modernen Schnitzeljagd konnten die Familien unter dem Motto „Vernetzung“ mit Geocaching auf ihrem Smartphones die unterschiedlichen Zelte der Ministerien besuchen. Eine schöne Parabel für das Modellvorhaben: Denn bei Kein Kind zurücklassen! wird ein breites Netzwerk geschaffen, um Chancengleichheit für die Kinder in NRW zu schaffen.
Alle Fotos: Copyright Andreas Endemann